Coole Gedichte

Hier sind ein paar coole Gedichte, welche von Robert Gernhardt stammen:

Deutung eines allegorischen Gemäldes

Fünf Männer seh ich
inhaltsschwer -
wer sind die fünf?
Wofür steht wer?

Des ersten Wams strahlt
blutigrot -
das ist der Tod
das ist der Tod

Der zweite hält die
Geißel fest -
das ist die Pest
das ist die Pest

Der dritte sitzt in
grauem Kleid -
das ist das Leid
das ist das Leid

Des vierten Schild trieft
giftignaß -
das ist der Haß
das ist der Haß

Der fünfte bringt stumm
Wein herein -
das wird der
Weinreinbringer sein.

Ich sprach

Ich sprach nachts: Es werde Licht!
Aber heller wurd' es nicht.

Ich sprach: Wasser werde Wein!
Doch das Wasser ließ das sein.

Ich sprach: Lahmer, Du kannst gehen!
Doch er blieb auf Krücken stehen.

Da ward auch dem Dümmsten klar,
daß ich nicht der Heiland war.

Der Dachs

Die Dächsin sprach zum Dachsen
'Mann, bist du gut gewachsen’
der Dachs, der lächelte verhalten
denn er hielt nichts von seiner Alten

Gebet

Lieber Gott, nimm es hin,
daß ich was Besond’res bin.
Und gib ruhig einmal zu,
daß ich klüger bin als du.
Preise künftig meinen Namen,
denn sonst setzt es etwas. Amen.

Gespräch des Schöpfers / mit dem Schöpfer:

"Schier sechzig Jahr auf deiner Welt –
bekomme ich jetzt Schmerzensgeld?"
"Mein Kind, mir geht dein Wunsch zu Herzen:
Geld hab ich keins, doch kriegst du Schmerzen!"

Enttarnt

Durch einen Fehler im Weltenplan
lockerte sich mein Schneidezahn.
Da schoß es mir eiskalt durch den Sinn:
Wie, wenn ich nicht unsterblich bin?
Da schien mir urplötzlich sonnenklar,
daß ich ein endliches Wesen war.
Da war ich schlagartig gewarnt:
So habe ich Gott als Mörder enttarnt.

Ostfriesische Romanze

Zwei Leben werden enggeführt
Zwei Blicke werden sehr gespürt
Zwei Hirne werden sehr erregt
Zwei Herzen werden sehr bewegt
Zwei Körper werden sehr begehrt
Zwei Seelen werden sehr versehrt
Zwei Wochen lang wird sehr geflennt,
Dann hat man sich in Leer getrennt.

Das Gleichnis

Wie wenn da einer, und er hielte 
ein frühgereiftes Kind, das schielte,
hoch in den Himmel und er bäte:
"Du hörst jetzt auf den Namen Käthe!" —
Wär dieser nicht dem Elch vergleichbar,
der tief im Sumpf und unerreichbar
nach Wurzeln, Halmen, Stauden sucht
und dabei stumm den Tag verflucht,
an dem er dieser Erde Licht …

Nein? Nicht vergleichbar? Na, dann nicht!

Folgen der Trunksucht

Seht ihn an, den Texter.
Trinkt er nicht, dann wächst er.
Mißt nur einen halben Meter -
weshalb, das erklär ich später.

Seht ihn an, den Schreiner.
Trinkt er, wird er kleiner.
Schaut, wie flink und frettchenhaft
er an seinem Brettchen schafft.

Seht ihn an, den Hummer.
Trinkt er, wird er dummer.
Hört, wie er durchs Nordmeer keift,
ob ihm wer die Scheren schleift.

Seht sie an, die Meise.
Trinkt sie, baut sie Scheiße.
Da! Grad rauscht ihr drittes Ei
wieder voll am Nest vorbei.

Seht ihn an, den Dichter.
Trinkt er, wird er schlichter.
Ach, schon fällt ihm gar kein Reim
auf das Reimwort "Reim" mehr ein.

Denkt euch

Denkt euch, ich habe den Tod gesehn,
es ging ihm gar nicht gut.
Seine Hände wirkten so seltsam bleich,
so gar nicht wie Fleisch und Blut.
Und auf dem dürren Hals saß gar
ein Kopf, der ganz aus Knochen war.
Aus Knochen, ganz aus Knochen, denkt!
Da hab ich ihm fünf Mark geschenkt.

Von den Gästen

Was einer ist, was einer war,
beim Scheiden wird es offenbar.

Ruft er "Auf Nimmerwiedersehen",
dann laß ihn frohen Herzens gehn.

Sagt er: "Lebt wohl, so leid mir's tut",
dann sei mal lieber auf der Hut.

Tut er nur "Tschau, bis dann dann" brommen,
dann will das Arschloch wiederkommen.


Vom Leben

Dein Leben ist dir nur geliehn -
du sollst nicht daraus Vorteil ziehn.

Du sollst es ganz dem Andern weihn -
und der kannst nicht du selber sein.

Der andre, das bin ich, mein Lieber -
nu komm schon mit den Kohlen rüber.

Trost und Rat

Ja wer wird denn gleich verzweifeln,
weil er klein und laut und dumm ist?
Jedes Leben endet. Leb so,
daß du, wenn dein Leben um ist

von dir sagen kannst: Na wenn schon!
Ist mein Leben jetzt auch um,
habe ich doch was geleistet:
Ich war klein und laut und dumm.

Dreißigwortgedicht

Siebzehn Worte schreibe ich
auf dies leere Blatt,
acht hab' ich bereits vertan,
jetzt schon sechzehn und
es hat alles längst mehr keinen Sinn,
ich schreibe lieber dreißig hin:

dreißig.

Dringliche Anfrage

Wer hat ein Alibi für mich?
Ich brauche eins für morgen,
da soll ich es um 12 Uhr 10
der Königin besorgen.

Die Königin ist klein und rund,
der König groß und eckig.
Dem, den sein Mißtraun auch nur streift,
geht es entsetzlich dreckig.

Um 12 Uhr 10 bin ich bestellt.
Ich trau mich gar nicht, hinzugehn.
Es sei, ich hätt' ein Alibi.
Wer sah mich morgen, 12 Uhr 10?

Schön, schöner, am schönsten

Schön ist es,
Champagner bis zum Anschlag zu trinken
und dabei den süßen Mädels zuzuwinken:
Das ist schön.

Schöner ist es,
andere Menschen davor zu bewahren,
allzusehr auf weltliche Werte abzufahren:
Das ist schöner.

Noch schöner ist es,
speziell der Jugend aller Rassen
eine Ahnung von geistigen Gütern
zukommen zu lassen:
Das ist noch schöner.

Am schönsten ist es,
mit so geretteten süßen Geschöpfen
einige gute Flaschen Schampus zu köpfen:
Das ist am allerschönsten.

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